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Aktionstag Glücksspielsucht 2021

Seit Jahren beteiligen wir uns am bundesweit stattfindenden Aktionstag Glücksspielsucht. Am 29.09.2021 waren wir mit einem Aktionsstand auf dem Aschaffenburger Wochenmarkt zu finden.
Wir sind überzeugt, dass es wichtig ist, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und zu zeigen, dass wir uns auch bei diesem Thema für unsere Mitmenschen engagieren. Wir setzen uns ein für einen umfangreichen Spielerschutz, fordern eine klare Regulierung der Glücksspielangebote und benennen die Probleme, die mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag seit dem 01.07.2021 auf uns zukommen werden.

Wer mit offenen Augen durch unsere Stadt und unseren Landkreis geht, kann es nicht übersehen. Die Zahl an Spielotheken und Wettbüros hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Durch die seit Juli geltenden Veränderungen am Glücksspielstaatsvertrag können nun alle Deutschen zusätzlich legal online um Geld spielen. Inzwischen ist bereits jeder Dritte mit einer Glücksspielproblematik von Onlineglücksspielen abhängig.
Wir, die Caritas, setzen uns für Menschen in prekären Lebenslagen ein und müssen feststellen, dass gerade diese Menschen häufig von einer Glücksspielsucht betroffen sind. Die Abhängigkeit von Glücksspielen ist eine Krankheit, die wie jede andere Suchterkrankung behandelt werden kann. Wir, die Suchtberatung der Caritas, stehen allen Betroffenen als kompetente Ansprechpartner zu Seite.
Bemerkenswert fanden wir, dass in den Gesprächen an unserem Informationsstand deutlich wurde, wie viele Menschen Angehörige oder Bekannte haben, die von einer Glücksspielsucht betroffen sind.

 

Ann-Kathrin Herbert verstärkt unser Team als Beraterin. Frau Herbert ist Sozialarbeiterin (M.A.) und kennt unsere Suchtberatung bereits aus einem studienbegleitenden Praktikum im Jahr 2016. Nach Abschluss des Masters und dem Berufseinstieg im Sozialdienst der KJP Aschaffenburg freuen wir uns sehr über die Mitarbeit von Frau Herbert. Sie konnte sich schnell einarbeiten und steht unseren Klient*innen in allen suchtspezifischen Fragestellungen mit ihrer offenen, freundlichen und kompetenten Art für Beratung zur Verfügung.

Aussenstelle in Großostheim

Frau Herbert wird ab dem 01.09.2021 zusätzlich die Aussenstelle im neu renovierten Benefiziatenhaus in Großostheim besetzten. Bewohner aus Großosheim und Menschen, denen die örtliche Nähe zu Großostheim entgegen kommt, können ab sofort Montags in der Zeit von 09:00 Uhr bis 17:00 Uhr Termine vereinbaren. Hierzu melden Sie sich in unserer Beratungsstelle in Aschaffenburg unter 06021-392 280.

 Gut gedacht, schlecht gemacht.
So lautet das Fazit zum neuen Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Juli 2021 in Kraft getreten ist. Fachleute aus Suchthilfe und Forschung sind sich einig: Dieser Vertrag bleibt weit hinter den Möglichkeiten zurück, Klient(inn)en zu schützen und präventiv zu wirken.

Die Glücksspiellandschaft hat sich seit dem Inkrafttreten des ersten Glücksspielstaatsvertrages deutlich verändert. Die Inhalte dieses Vertrages stimmen nicht mehr mit der Realität von Online-Glücksspiel und Sportwetten überein. Daher wurde es notwendig, einen zweiten Glücksspielstaatsvertrag zu erarbeiten und durch die Länder ratifizieren zu lassen. Er ist zum 1.Juli 2021 in Kraft getreten.

Ein schnelles Fazit: Deutschland ist und bleibt ein Paradies für Glücksspielanbieter

In Deutschland gibt es circa 430.000 Menschen mit einem problematischen Spielverhalten beziehungsweise pathologische Spieler(innen)1 - Menschen, die mit vielfältigen psychosozialen Problemen die Beratungsstellen aufsuchen. Spieler(innen) sind diejenigen mit der höchsten Verschuldung innerhalb der Gruppe von Suchtbetroffenen. Im Schnitt liegen die Schulden bei 20.000 bis 30.000 Euro, wenn sich ein(e) Klient(in) an eine Beratungsstelle wendet.2 Nicht selten liegen die Verbindlichkeiten bei bis zu mehreren Hunderttau[1]send Euro. Kriminalität, Inhaftierung oder Suizidalität sind auch deshalb bei Spielern(inne)n nicht selten vor[1]kommende Problematiken.

Spätestens seit Corona und der damit einhergehenden monatelangen Schließung der Spielotheken und Spielbanken wurde das Thema Online-Glücksspiel öffentlich diskutiert. Passend dazu haben sich die Länder auf den neuen Glücksspielstaatsvertrag geeinigt.

Bei der Erarbeitung des Glücksspielstaatsvertrags 2021 wurden die Glücksspielforschung oder die Suchthilfe nicht beteiligt. Dennoch soll der Vertrag dazu dienen, das Entstehen einer Glücksspielsucht zu verhindern und Voraussetzungen für eine Suchtbekämpfung zu schaffen. Das Angebot an Glücksspielen soll begrenzt und illegale Glücksspiele sollen verhindert werden. Es soll der Spielerschutz gewährleistet sein und Sorge getragen werden, dass die angebotenen Glücksspiele ordnungsgemäß verlaufen. Und bei diesem Glücksspielstaatsvertrag 2021 ganz neu: Das Geschäft mit Onlinespielen wird legalisiert. Was wird sich ändern?

Glücksspielmarkt wird liberalisiert

Der Glücksspielstaatsvertrag kommt einer Liberalisierung des Glücksspielmarktes gleich. Ab sofort darf in allen Ländern virtuell an Automaten gespielt oder gepokert werden. Sportwetten sind jetzt ebenfalls legal möglich. Stiegen bereits in den vergangenen Jahren die Anteile derer, die eine Beratung wegen Problemen im Bereich des Online-Glücksspielens hatten, gab es in der Phase des Lockdowns eine weitere Zunahme. Inzwischen dürften gut ein Drittel der hilfesuchenden Spieler(innen) aus den Bereichen des Online-Glücksspiels und der Sportwetten stammen. Mit der Öffnung des Marktes gehen jetzt nahezu alle Fachleute aus dem Bereich der Beratung und Therapie für Glücksspieler(innen) von einer weiteren und noch deutlicheren Zunahme dieser Problematik aus. Es ist wahrscheinlich, dass Online-Glücksspiele weitaus risikoreicher sind, eine Sucht zu entwickeln. Die Verfügbarkeit rund um die Uhr und der einfache Zugang über alle digitalen Endgeräte sind die neuen Herausforderungen für Beratung und Therapie. Denn auch hier gilt, dass die Verfügbarkeit eines Suchtmittels wesentlichen Einfluss auf eine Suchtentstehung hat.

Illegal wird zu legal

Bisher illegal agierende Anbieter mit Sitz in Malta oder anderen Destinationen erhalten ohne Konsequenzen für ihr bisheriges Handeln aller Voraussicht nach Lizenzen für Onlinespiele und Sportwetten. Es ist nicht nachvollziehbar, dass bisheriges kriminelles Handeln vollkommen ohne Konsequenzen für die zukünftige Lizenzvergabe bleiben soll. Strafzahlungen oder die Verweigerung von Lizenzen wären aus Sicht einer Regulierung im Sinne von Spielerschutz und Prävention die richtige Antwort. Wer bisher Glücksspiele in Deutschland über Umwege online möglich gemacht hat, sollte keine Lizenz erhalten.

Aufsichtsbehörde kommt zu spät zum Einsatz

Es wird eine Aufsichtsbehörde geben. Das ist beschlossen und sehr zu begrüßen. Der Glücksspielstaatsvertrag ist am 1. Juli 2021 in Kraft getreten, aber die wesentliche Instanz, die eine Regulierung überwachen soll, ist zu diesem Zeitpunkt nicht einsatzbereit. Das ist paradox. Es gibt weder Mitarbeiter(innen) noch einen konkreten Standort. Bekannt ist, dass die Behörde in Sachsen-Anhalt ansässig werden wird. Bis zum 31. Dezember 2022 bleiben die Zuständigkeiten aber in den Ländern. Das führt mit ziemlicher Sicherheit zur Fortsetzung des bereits hinlänglich bekannten Vollzugsdefizits im Bereich der Glücksspielregulierung. Aus fachlicher Sicht bleibt es bei der Forderung, dass die Behörde personell, finanziell und strukturell so ausgestattet sein muss, dass sie den hohen Anforderungen der Überwachung und Weiterentwicklung des Spielerschutzes nachkommen kann. Ein Dialog mit der Suchthilfe, der Forschung und Betroffenen wäre wünschenswert.

Werbung stachelt Wettbewerb an

Die Wirkung von Werbung ist psychologisch gut erforscht. Alle wissen, dass Werbung wirkt. Durch den Erhalt einer Lizenz, Glücksspiele anbieten zu können, wird den Anbietern gleichzeitig auch erlaubt, zu werben. Das wird prognostisch dazu führen, dass der Wettbewerb aufblüht und die Werbung der Anbieter, deren Zahl (aufgrund fehlender Begrenzung) noch nicht vor[1]auszusagen ist, zunimmt. Es wird um jeden Euro Einsatz gerungen werden. Für den Spielerschutz und um einer Suchtentwicklung vorzubeugen, wäre aber ein vollständiges Werbeverbot notwendig gewesen. Hier haben die Länder es versäumt, dass der neue Glücksspielstaatsvertrag dazu beiträgt, besonders gefährdete Zielgruppen zu schützen. Insbesondere Jugendliche und sportaffine Personen werden in Zukunft Zielgruppe der Werbung sein. Trikotwerbung und die Pausenwerbung mit nicht mehr aktiven Sportstars bei Sportübertragungen dürften bereits heute jedem bekannt sein. Die Anstrengungen der Anbieter, Werbung noch intelligenter zu platzieren, werden steigen. Youtuber(innen), Influencer(innen) und Streamer(innen) werden von der Glücksspielindustrie bereits als Werbeplattformen für eine junge Zielgruppe eingesetzt. Auch über Computerspiele werden Anreize zum Glücksspiel gezielt gegeben, Stichwort Gaming und Gambling. Bekanntestes Beispiel ist das Spiel "Coin Master"

Die Anstrengungen der Politik, die Glücksspielprävention zu fördern, sind hingegen eher gering. Die Prävention hätte deutlicher in den Glücksspielstaatsvertrag einfließen müssen. Denkbar wäre zum Beispiel eine klar festgelegte Kostenbeteiligung aller Lizenznehmer(innen) zur Prävention gewesen. Mit mehr Geld wäre auch mehr wirksame Vorbeugung möglich. Diese wird in Zukunft dringend notwendig sein. Neue, auf den Onlinemarkt bezogene Präventionsangebote sind flächendeckend unverzichtbar.

Spielersperren als Pluspunkt

Es wird eine bundesweite Sperrdatei geben und diese Sperrdatei wird spielformübergreifend sein. Das ist ein echter Pluspunkt für den neuen Glücksspielstaatsvertrag. Endlich können sich Spieler(innen) in allen Bundesländern zentral sperren lassen. Das war bislang in den meisten Bundesländern nicht möglich. Der Zeitraum für die Sperre beträgt zukünftig mindestens drei bis zwölf Monate. Weshalb hier ein so kurzer Zeitraum (drei Monate) gewählt und angeboten wurde, erschließt sich aus suchttherapeutischer Sicht nicht. Dauert doch eine Stabilisierung aller Erfahrung aus Beratung und Therapie nach in der Regel deutlich länger.

Dass ein einfacher schriftlicher Antrag genügt, um eine Selbstsperre nach Ablauf der Mindestzeit zu beenden, ist ebenfalls nicht sinnvoll. Hier wäre es besser gewesen, darüber zu diskutieren, was der/die Betroffene vor der Aufhebung der Selbstsperre tun kann, um sich mit dem Grund der Sperre (Glücksspielsucht, Kontrollverlust, Überschuldung) auseinanderzusetzen. Eventuell wäre auch denkbar gewesen, dass die geplante Aufsichtsbehörde die dann bestehende Problematik einschätzt.

Für die Arbeit in Beratung und Therapie steht nun also das Instrument der Selbstsperre bundesweit zur Verfügung. Die neidischen Blicke nach Hessen, wo es eine solche Möglichkeit schon lange gab, sind damit bald vorbei. Die Beratungsstellen werden sicher in Zukunft Klient(inn)en auf diese Möglichkeiten hinweisen und sie dabei unterstützen. Interessant wird es sein, zu sehen, wie viele Menschen sich jährlich bundesweit sperren lassen werden. Daran könnten in Zukunft über einen zusätzlichen Parameter die Probleme mit Glücksspiel in Deutschland gemessen werden.

Verlustlimit ist sehr hoch

Die Aufsichtsbehörde führt in Zukunft eine Limitdatei. Dabei soll reguliert werden, dass Spieler(innen) bei unterschiedlichen Anbietern durch Onlinespielen maxi[1]mal 1000 Euro im Monat Verlust machen können. Eine gute Idee, um noch extremere Verluste, die es häufig gibt, zu vermeiden. Ein Verlustlimit von 1000 Euro monatlich ist allerdings extrem hoch gewählt und dürfte für viele Betroffene im Bereich des monatlichen Nettoeinkommens liegen. Hier sind existenzielle Probleme programmiert. Zusätzlich bezieht sich die zukünftige Limitdatei nur auf Onlinespiele. Ein und derselbe Spieler könnte nach einer Sperre für Onlinespiele terrestrisch (in Spielotheken) weiterzocken und seine Verluste steigern.

Die Limitdatei selbst ist technisch und rechtlich wohl eine der größten Herausforderungen für die zukünftige Aufsichtsbehörde. Es werden bereits Stimmen aus der Glücksspielforschung laut, die vermuten, dass diese Regelung jahrelange Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen könnte und der Gewinn für den Spielerschutz im Endeffekt nicht zum Tragen kommen wird.

Die Forderung nach einer Spielerkarte, mit der sich Spieler(innen) identifizieren können, gab es schon seit einigen Jahren für den terrestrischen Bereich des Glücksspiels. Diese Karte einzuführen und auf den Onlinebereich auszudehnen wäre zielführender gewesen.

Fazit: Mit heißer Nadel gestrickt

Gut gedacht - schlecht gemacht. So könnte das Fazit zum Glücksspielstaatsvertrag ausfallen. Übergreifend sind sich die Fachverbände, die Träger der Suchthilfe, die Betroffenenvertreter(innen) und die Glücksspielforschung einig, dass der Vertrag mit der heißen Nadel gestrickt wurde und viel Potenzial auf der Strecke geblieben ist. Es wurde unter dem Ausschluss der Fachöffentlichkeit gearbeitet und entschieden. Es ist davon auszugehen, dass es über Jahre hinweg ein weiter zunehmendes Vollzugsdefizit geben wird.

Suchthilfe und Prävention stehen vor einer noch nicht kalkulierbaren Herausforderung und sind gut beraten, sich auf die sich zunehmend veränderte Glücksspiellandschaft einzustellen. Vulnerable Zielgruppen sind Jugendliche, junge männliche Migranten und ein sportaffines Publikum. Smartphone, Tablet und PC werden sehr wahrscheinlich für Glücksspiele und Sportwetten in Zukunft mindestens in gleichem Maße genutzt wie Spielotheken und Sportwettbüros.

Den nachvollziehbaren finanziellen Interessen bezüglich der zu erwartenden Steuereinnahmen durch den nun legalisierten Online-Glücksspielmarkt hätte ein deutlich stärkeres Konzept zum Spielerschutz in den oben genannten Bereichen entgegengestellt werden können und müssen.


Anmerkungen

1. Siehe dazu Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Kurzlink: https://bit.ly/3dMWUfx , S.10

2. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2021. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 35.

Autor
Daniel Elsässer
Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme im Caritasverband Aschaffenburg

Quelle: https://www.caritas.de/neue-caritas/heftarchiv/jahrgang2021/artikel/deutschland-bleibt-ein-paradies-fuer-gluecksspielanbieter?searchterm=gl%c3%bccksspiel

Im Januar 2021 bereicherte mit Frau Bärbel Wosilus nicht nur eine neue Kollegin das Team der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme, sondern auch ein neues Angebot des Caritasverbandes Aschaffenburg die regionalen Hilfsangebote: Das ambulant betreute Einzelwohnen für Menschen mit Suchterkrankung

Dieses steht suchtkranken, volljährigen Menschen aus der Stadt und dem Landkreis Aschaffenburg zur Verfügung und soll eine selbstbestimmte Lebensführung und die aktive Teilnahme am Miteinander ermöglichen.

Das Ambulant Betreute Einzelwohnen ergänzt das bisherige Beratungsangebot der Suchtberatungsstelle um praktische Hilfen im Alltag und persönlichen Lebensumfeld. Auch findet eine Unterstützung bei der Bewältigung von Rückfall- und Krisensituationen statt.
Ziel der Betreuung ist es, das Überleben zu sichern und einen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität trotz Suchterkrankung zu leisten - zum Beispiel durch eine sinnvolle Tagesgestaltung und eine verbesserte Teilhabe an unserer Gesellschaft.
Die konkreten Inhalte des ambulant betreuten Einzelwohnens wie auch der Umfang richten sich dabei stets nach den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der oder des Einzelnen.

Bärbel Wosilus PortraitWir freuen uns besonders, dass mit Frau Wosilus eine in der Region bereits gut vernetzte Kollegin die ambulante Betreuung übernimmt, die neben langjähriger Erfahrung in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen auch die nötige Empathie und Weitsicht mitbringt.
Somit kann von Beginn an eine stabile Basis entstehen, die sich durch Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit auszeichnet.


Weitere Informationen zum Ambulant Betreuten Wohnen erhalten Sie über den pdfFlyerABW2020.pdf
oder den direkten Kontakt zur Psychosozialen Beratungsstelle.

Ist Alkohol die Umarmung, die wir in diesen Tagen nicht bekommen?

Das Main-Echo Aschaffenburg führte bereits Ende November ein Interview mit Da­ni­el El­säs­ser, dem Lei­ter der Psy­cho­so­zia­len Be­ra­tungs­s­tel­le für Sucht­pro­b­le­me des Ca­ri­tas­ver­bands Aschaf­fen­burg. In diesem Gespräch beschreibt Elsässer deutlich die Ursachen für steigenden Konsum während der Pandemie, betont die Notwendigkeit von sozialem Umfeld und Beratungsdiensten und gibt zum Abschluss auch hilfreiche Tipps zur Kontrolle des eigenen Konsumverhaltens.

Den Arikel gibt es Online beim Main-Echo unter:

https://www.main-echo.de/regional/stadt-kreis-aschaffenburg/warum-mehr-menschen-in-der-pandemie-zu-alkohol-greifen-art-7174912

Heute wollen wir auf den bundesweiten Aktionstag Suchtberatung hinweisen, der unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung erstmalig am 04. November 2020 mit dem Motto "Kommunal wertvoll!" stattfindet.

Wie intensiv die Arbeit der Suchtberatung ist, zeigt auch der notwendige weitere Ausbau unserer Angebote hier in Aschaffenburg. Ab dem Jahr 2021 engagieren wir uns zusätzlich mit ambulant aufsuchenden Hilfen in der Region für Stadt und Landkreis Aschaffenburg. Auch für Jugendliche und junge Erwachsene erweitern wir mit einem Gruppenangebot (FreD) unser bereits umfassendes Angebot maßgeblich.

Laut einer aktuellen Studie zum Konsumverhalten wurden während der Corona-Pandemie bzw. des Lockdowns größere Mengen und auch früher am Tag Alkohol getrunken. Bei den illegalen Drogen verändern sich riskante Konsummuster. Alkohol- und Drogenkonsum ist auch ein Seismograph für die Bewältigung persönlicher Krisen: Hier braucht es die Suchtberatung als Institution für zwischenmenschliche Rettungsschirme.

Die DHS macht gemeinsam mit ihren Mitgliedsverbänden in einem Notruf_Suchtberatung aufmerksam und benennt zentrale Forderungen.

Ziel des Aktionstags Suchtberatung ist es, Suchtberatungsstellen und Politik in den Kommunen miteinander in einen Dialog zu bringen. Dabei soll mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen deutschlandweit auf die Dringlichkeit der Finanzierung und die Zukunftssicherung der Suchtberatungsstellen aufmerksam gemacht werden.

Denn:
Suchtberatung braucht eine stabile, kostendeckende und verlässliche Finanzierung. Sie ist systemrelevant und trägt nachweislich dazu bei, die Chronifizierung und Folgekosten von Abhängigkeitserkrankungen zu verringern. 

Zur Information: unsere Suchtberatung sucht Verstärkung. Hier können Sie sich bewerben.

Am 30.09.2020 fand der bundesweite Aktionstag Glücksspielsucht statt - auch hier in Aschaffenburg.

Unsere Suchtberatungsstelle  ist für die Region der erste Anlaufpunkt bei Fragen rund um Probleme mit Glücksspiel und gehört zum bayrischen Kompetenznetzwerk Glücksspielsucht.
Inzwischen sind diese Probleme sogar der vierthäufigste Anmeldegrund in der Beratung.
Da ist es klar, dass wir uns am Aktionstag Glücksspielsucht beteiligen
“, betont Daniel Elsässer.

Die Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle konnten trotz Corona mit vielen Passanten ins Gespräch kommen.
Es ging nicht darum die Menschen die vorbeigehen anzusprechen, sondern mit denjenigen, die sich für die Informationen und den Stand interessierten in einen intensiveren Austausch über das Thema zu kommen.

Über eine Bodenzeitung entstand ein Stimmungsbild und es war für Interaktion zwischen den Beteiligten gesorgt. Viele hatten Spaß daran zu den aufgedruckten Aussagen ihre Meinung zu äußern.

Eine Demonstration der Zwerge, sozusagen ein Zwergenaufstand, war der kreative Kern der Aktion. Die Zwerge sorgten für Aufmerksamkeit und interessierte Nachfragen zu den Forderungen. „Insgesamt war die Ressonanz und das Interesse sehr zufriedenstellend“, sagt Lara Fendt die den Aktionstag mitorganisierte.

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Die Folgen einer Glücksspielsucht sind mitunter dramatisch.
Betroffene verspielen häufig ihr ganzes Geld, ihren Arbeitsplatz, ihre Familie und
Freunde. Oftmals kommen Depressionen hinzu und mitunter sogar Kriminalität. Hinzukommt, dass bei Personen mit einer Glücksspielproblematik eine überdurchschnittlich hohe Suizidgefahr besteht.
Der Aktionstags sollte dazu beitragen die Menschen aufzuklären und als Caritasverband für einen besseren Spielerschutz einzutreten.

 Die „Forderungen zum besseren Spielerschutz“ des Caritas Suchthilfe e.V. (CaSu)
finden Sie hier: http://www.caritas-suchthilfe.de/informationen/positionen-und-stellungnahmen/positionen 

Ein ausführlicher Zeitungsartikel zum Thema Glücksspielsucht findet sich auch im Main-Echo vom 30.09.2020

Die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme erweitert ihr Angebot für Menschen aus der Region
Alzenau/Kahlgrund:
Ab sofort können Menschen aus dieser Region Termine im Beratungszentrum Alzenau wahrnehmen.


Voraussetzung dazu ist eine telefonische Terminvereinbarung in unserem Hauptsitz in
Aschaffenburg unter 06021 - 392 280.

 

Alzenau2Für einige unserer Klienten ist die Fahrt nach Aschaffenburg eine zeitliche und finanzielle Herausforderung.
Suchtkranke Menschen sind nicht selten an der Teilhabe am Leben benachteiligt. Wir wollen mit diesem Angebot
den Zugang zur Suchtberatung weiter erleichtern. Je früher missbräuchlicher Konsum oder missbräuchliche Verhaltensweisen angegangen werden können, desto weniger besteht die Gefahr einer Chronifizierung und damit
einer Abhängigkeitserkrankung
“, sagt Daniel Elsässer, der Leiter der Suchtberatungsstelle.

 

Die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme (PSB) des Caritasverbandes Aschaffenburg hat ihre Büros und Sprechzimmer im Martinushaus. Aber das spielt in diesen Tagen und Wochen keine Rolle. „Alle PSB-Stellen der unterfränkischen Caritas sind für den Publikumsverkehr bis auf weiteres geschlossen“, teilt Bernhard Christof vom Diözesan-Caritasverband mit. Die Arbeit gehe aber per Telefon, Videochat und online weiter, so der Fachbereichsleiter Gefährdetenhilfe.

Wie die Arbeit unter den besonderen Bedingungen der Ausgangsbeschränkungen konkret aussieht, schildert Daniel Elsässer, Leiter der PSB Aschaffenburg im Telefoninterview. 
 

Sebastian Schoknecht: Herr Elsässer. Viele Dienste der Caritas verzichten zum Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch, um das Corona-Virus nicht weiter zu verbreiten, auf den direkten Kontakt mit Klientinnen und Klienten. Wie geht Beratung auf Distanz?

Daniel Elsässer: Wir arbeiten als PSB-Team vom Büro oder von daheim aus und haben komplett auf die Beratung übers Telefon, über Videochat und online umgestellt. Zum Glück sind wir schon länger digital unterwegs, aber eine Umstellung bedeutet das schon für viele Kolleginnen und Kollegen und für die Betroffenen am anderen Ende der Leitung auch. Das Ideal der Beratung ist immer noch die unmittelbare Begegnung mit den Menschen, also von Angesicht zu Angesicht. Berater und Klient sitzen einander gegenüber und kommen ins Gespräch. Zu telefonieren oder sich über einen Videochat auszutauschen, das ist etwas anderes. Was vor Wochen noch eine Ergänzung war, ist nun der Regelfall, weil es anders nicht geht.

Schoknecht: Wo genau sehen Sie die Herausforderungen?

Elsässer: Je weniger Informationen Sie haben, desto mehr müssen Sie sich konzentrieren. Und das kostet viel Energie. Jeder kann das selbst ausprobieren in dieser Zeit: Eine Stunde mit einem Menschen am gemeinsamen Tisch oder auf dem Sofa zu sprechen, braucht viel weniger Konzentration als ein Videochat über Skype oder ein einstündiges Telefonat. Als Berater brauchen wir auch die nonverbalen Signale unseres Gegenübers, und die fallen am Telefon weg. Die Erfahrung zeigt: Nach fünf oder sechs Gesprächen, bei denen es ja in der Regel um ernsthafte Konflikte geht, ist die Power raus, selbst bei langjährigen Beraterinnen und Beratern.

Schoknecht: Um welche Problemlagen geht es in der PSB, und sind durch die Krise neue hinzugekommen?

Elsässer: Alles, was zur Sucht werden kann, ist bei uns Thema. Wir beraten Menschen, die von legalen und illegalen Drogen abhängig sind; wir beraten Menschen bei Glücksspielsucht, aber auch Frauen und Männer mit Depressionen, Ängsten und Suizidgedanken. Die Krise schafft neue Notlagen. Viele Probleme verstärken sich, wenn der Mensch durch Isolation auf sich zurückgeworfen wird. Wer schon Depressionen hatte, wird diese unter Umständen noch stärker spüren; wer immer mal wieder suizidale Gedanken hegte, läuft unter Umständen Gefahr, diese nun in die Wirklichkeit umzusetzen …

Schoknecht: Wie gehen Sie damit um?

Elsässer: Wir nehmen die Menschen erst einmal sehr ernst mit ihren Problemen und beschwichtigen nicht vorschnell. Dann geht es darum, Perspektiven zu eröffnen, so dass die Betroffenen aus ihrer inneren Isolation herauskommen können. Das ist ja nicht einfach, wenn sie niemanden besuchen sollen und die Selbsthilfegruppen keine Treffen mehr abhalten dürfen. Wir versuchen, gemeinsam mit dem Klienten zu schauen, warum das Leben weiterhin lohnen kann. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen mehr Fälle aufschlagen werden, bei denen es um depressive Zustände oder gar suizidale Gedanken geht, denn für viele Menschen ist die Lage familiär und wirtschaftlich wirklich schwer. Wenn wir den begründeten Verdacht haben, jemand könnte sich etwas antun, informieren wir selbstverständlich die Polizei. Aber dafür braucht es viel Erfahrung. Wir müssen die Menschen schützen und wollen keinen blinden Alarm. Da geht es um Vertrauen und Verantwortung.

Schoknecht: Die Grenzen sind geschlossen. Die Ausgangsbeschränkungen werden überwacht. Wird damit das Thema „illegale Drogen“ uninteressant?

Elsässer: Leider nicht. Wir stellen fest, dass die Preise für illegale Drogen immer weiter steigen. Und wer sich das nicht mehr leisten kann, geht nicht in den Entzug, sondern schwenkt auf Ersatzdrogen um. Das ist dann meist Alkohol. Es ist zu befürchten, dass der Alkoholkonsum mit allen negativen Folgen gerade zunimmt.

Schoknecht: Seit einigen Jahren ist die Spielsucht ein großes Thema in der PSB. Nun haben die Spielhallen geschlossen, und die vielen Automaten in der Gastronomie sind auch nicht mehr zugänglich. Gibt es so etwas wie einen „kalten Entzug“ für Spielsüchtige?

Elsässer: Wer jetzt schon unter Spielsucht leidet, steigt nun um auf Online-Angebote. Die bewegen sich in einem gesetzlichen Graubereich, haben aber seit ein paar Wochen enormen Zulauf. Wir befürchten, dass Menschen mit bestimmten Dispositionen über die Online-Angebote in die Sucht einsteigen, weil die Langeweile zum Zocken verführen kann. Das wird uns nach der Krise vermutlich noch sehr beschäftigen. An dieser Stelle ist der Staat als Gesetzgeber gefragt, der aber gleichzeitig am Glücksspiel mitverdient.

Schoknecht: Mal ganz praktisch. Wie bahnen Sie eine Beratung über Videochat an?

Elsässer: Für die Videoberatung nutzen wir einen sicheren und datenschutzkonformen Dienst. Der Klient bekommt auf Anfrage eine E-Mail mit Uhrzeit und Link, über den er sich einwählen kann. Die meisten unserer Klienten nutzen den Dienst über eine App fürs Smartphone. Zum ausgemachten Zeitpunkt startet zuerst der Berater das Programm, dann steigt der Klient über den Link ein. Das funktioniert ganz gut.

Schoknecht: Wird die Krise zumindest an dieser Stelle auch zur Chance, das große Thema „Digitalisierung“ voranzubringen?

Elsässer: Wir brauchen die Begegnung von Mensch zu Mensch. Das spüren wir auch in unserem Team, das gerade auf Distanz gegangen ist. Kommunikation lässt sich digital nicht einfach ersetzen. Aber klar: Wir sind hier in einem Lernfeld unterwegs und werden mit Sicherheit einiges für die Zeit nach der Krise mitnehmen.

Schoknecht: Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für die Leserinnen und Leser, um gut durch die nächsten Tage und Wochen zu kommen?

Elsässer: Schauen Sie, was Ihnen emotional guttut, was Ihnen Stabilität verleiht. Eine gute Tagesstruktur ist hilfreich und Abwechslung. Und: Bevor jemandem die Decke auf den Kopf fällt oder sich destruktives Handeln anbahnt, sollte er eine Beratungsstelle anrufen. Wir und viele Kolleginnen und Kollegen in Unterfranken und darüber hinaus, sind ja weiterhin für die Menschen da.

Schoknecht: Vilen Dank, Herr Elsässer, für das spannende und informative Gespräch. Ihnen und dem Team in Aschaffenburg weiterhin alles Gute, und bleiben Sie gesund.

Elsässer: Danke.

Das Gespräch führte Sebastian Schoknecht, Leiter des Fachbereichs Öffentlichkeitsarbeit im Caritasverband für die Diözese Würzburg.

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